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Katrine (Juliane Köhler) lebt mit ihrer Familie ein glückliches Leben in Norwegen. Doch mit dem Fall der Mauer wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt: Als Tochter einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten wurde sie als Kind nach Deutschland verschleppt. Mit Mitte 20 floh sie aus der DDR nach Norwegen, um ihre leibliche Mutter (Liv Ullmann) zu finden.

Als ein deutscher Anwalt (Ken Duken) das schwerwiegende Verbrechen des Nazi-Regimes aufklären will, braucht er hierfür die Aussagen von Katrine und ihrer Mutter. Doch je mehr Katrine von ihrer Vergangenheit preisgibt, umso tiefer verstrickt sie sich in ein Netz aus Widersprüchen, Lügen und Verrat. Noch ahnt niemand, dass Katrine ein folgenreiches Geheimnis hütet. Wer ist sie wirklich?

INTERVIEWS

Im Folgenden Gespräche mit:
Juliane Köhler, Liv Ullmann, Thomas Lawinky, Georg Maas
Zum Lesen der Interviews bitte nach unten scrollen.


Ein Gespräch mit Juliane Köhler


Frau Köhler, Sie spielen in ZWEI LEBEN eine Frau mit zwei Gesichtern, mit ZWEI LEBEN. Was hat Sie bewogen, bei diesem Film mitzumachen?

Ich war begeistert von dieser Geschichte! Was mich beim ersten Lesen des Buches sofort angesprochen hat, war, dass Katrine ein Geheimnis hat. Man weiß erst einmal gar nicht so genau, wohin die Reise geht. Bei jeder Szene fragt man sich immer wieder aufs Neue: Geht das jetzt in die eine oder in die andere Richtung? An der Rolle hat mich besonders gereizt, dass Katrines Motive für das, was sie tut, immer viel komplexer sind, als der Zuschauer im ersten Moment annimmt. In Katrines Gesicht ist mehr zu sehen als die Spiegelung dessen, was gerade im Moment passiert. Das fand ich sehr spannend.



Wie würden Sie Katrine charakterisieren?

Katrine hat eine sehr aufregende und berührende Lebensgeschichte. Sie ist nicht plakativ böse oder gut. Ihre Liebe zu ihrem Mann Bjarte und zu ihrer Mutter Ase ist ehrlich. Bjarte und sie leben eine moderne, glückliche Beziehung. Auf der anderen Seite hat sich Katrine, als sie Jahre vorher nach Norwegen kam, kalt und berechnend verhalten – schließlich kam sie als Spionin. Ihre Tragik besteht darin, dass sie zu spät begriffen hat, worauf sie sich eingelassen hatte. Als eines Tages der Anwalt Solberg in das Leben der Familie einbricht und anfängt, in der Vergangenheit zu wühlen, ist Katrine wieder mit ihrem alten, ihrem ersten Leben konfrontiert. Doch hätte sie die Wahrheit sagen sollen? Welche Familie hätte diese Wahrheit aushalten können? Katrine sehnt sich danach, sich von ihrem inneren Druck befreien zu können, weiß jedoch, dass das zu einer Explosion führen würde, die das Leben aller Familienmitglieder zerstören würde. Mir hat es besonders großen Spaß gemacht, diese Frau zu rechtfertigen. Sie hat sich sehr vieles zuschulden kommen lassen, ist eine Verbrecherin und hat gelogen. Dennoch gab es für mich eine Vielzahl an Möglichkeiten, ihr Verhalten zu rechtfertigen und diese Frau gern zu haben. Alles was Katrine macht, macht sie mit einem großen Herz – das hat mich fasziniert. Für mich war es eine wirklich interessante, großartige Rolle. Und als Schauspielerin reizt es mich natürlich grundsätzlich, eine Figur zu verkörpern, die so unterschiedliche Seiten hat.



Der Film berührt Themen wie Schuld und Unschuld, Wahrheit und Dichtung, Gut und Böse.

Genau das war es, was mich auch an diesem ganzen Projekt so berührte. Es greift viele Lebensfragen auf, so wie die nach Wahrheit und Lüge. Schon als Kind haben mich diese Themen beschäftigt. Mir ist dieses ständige Zweifeln, was wahr ist und was nicht, vertraut. Und ich muss sagen, dass ich aufgrund dieses Films milder geworden bin im Urteil über Menschen, die gelogen haben. Denn wer weiß, wie wir uns verhalten hätten? Katrine wurde bereits als Kleinkind einer Gehirnwäsche unterzogen, hatte ein altes und ein neues Leben. Und in diesem neuen Leben hat sie nicht gelogen – sie liebte ihre Familie. Diese Liebe war nicht auf einer Lüge aufgebaut.



Sie haben sich von Anfang an sehr für das Zustandekommen dieses Projekts engagiert. Was hat sie über die Begeisterung für Ihre Rolle hinaus angetrieben?

Ich halte das Thema des Films für sehr wichtig. Natürlich hat man schon mal etwas von den Kriegskindern und vom ‚Lebensborn‘-Verein gehört. Aber man hat überhaupt keine Vorstellung davon, was sich für Einzelschicksale dahinter verbergen. In dieser Geschichte tun sich einem plötzlich Abgründe auf. Und – kaum zu glauben: Es gibt Leute, die das immer noch abstreiten, wie ich vor einigen Jahren von einem Professor, der das DDR-System gestützt hatte, erfuhr, als ich im Osten von Berlin von der Geschichte unseres Films erzählte. Es ist sehr ungewöhnlich, einen so langen Vorlauf zu haben, bis die Dreharbeiten endlich losgehen, denn zwischen dem Filmangebot und der Realisierung lagen mehrere Jahre. Das war aber auch gut, denn ich kannte die Rolle dann so gut wie mich selbst.



Für den Film haben Sie Norwegisch gelernt – warum war Ihnen das so wichtig?

Ich habe mich in dieses Projekt total reingekniet und nicht nur die Sprache gelernt, sondern auch für einige Wochen in Norwegen gelebt. Beides war eine tolle Erfahrung, obwohl es für mich sehr schwierig war, Norwegisch zu lernen. Ich bin überhaupt nicht sprachbegabt und musste richtig pauken. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass ich diese Sprache für die norwegischen Szenen beherrschen muss. Dadurch empfand ich ganz anders für Katrine. Es hat mir letztlich sehr geholfen, diese Figur richtig zu erfassen und glaubhaft spielen zu können. Große Angst hatte ich vor der letzten großen Szene, in der Katrine Ase alles gesteht. Diese wollte ich auf jeden Fall auf Deutsch spielen, weil ich mich damit sicherer fühlte. Georg Maas wollte das aber nicht. Dann haben wir uns darauf geeinigt, diese Szene in beiden Sprachen zu drehen. Ich weiß nicht, für welche Fassung er sich entschieden hat.



Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit mit Liv Ullmann beschreiben?

Ich war immer schon ein großer Fan von ihr. Ihre Filme mit Ingmar Bergmann kenne ich alle – schon deshalb, weil meine Mutter sie liebte. Hätte man mir früher gesagt, dass ich eines Tages mit Liv Ullmann, diesem Weltstar, drehen würde – ich hätte es nicht geglaubt. Mich faszinierte schon bei der ersten Begegnung ihre wahnsinnige Ausstrahlung, ihre unglaubliche Präsenz, ihre Kraft, die Liebe in ihren Augen, ihre Wärme und Neugier. Die Bewunderung, die ich schon immer für sie hatte, hat sich bewahrheitet. Außerdem ist Liv eine Meisterin des Humors. Ich erinnere mich noch gern an die Tage, an denen wir besonders lange Wartezeiten hatten und Liv uns alle mit ihren Geschichten und ihrem Humor unterhielt. Die Arbeit mit ihr war sehr schön und außerdem ist sie eine ganz starke Schauspielerin. Wenn sie mir in einer Szene gegenüberstand und mich ansah, war ich mitten in der Situation, war ich sofort ihre Tochter.



Ein Gespräch mit Liv Ullmann


Frau Ullmann, Sie spielen in ZWEI LEBEN die Mutter der in Norwegen lebenden Deutschen Katrine, die ihr Dasein und ihre dort gegründete Familie auf einer gefälschten Identität aufgebaut hat. Warum haben Sie sich für diesen Film entschieden?

Mich hat die Geschichte sofort fasziniert. Sie ist unglaublich und sehr außergewöhnlich, aber authentisch und wurde so noch nie gezeigt. Bis heute wird das Schicksal, das die Kinder von norwegischen Müttern und deutschen Vätern im Zweiten Weltkrieg und zum Teil noch danach erfahren mussten, auch in meinem Land viel zu wenig thematisiert. Diese Jungen und Mädchen hatten ein schreckliches Leben und ich finde es richtig und wichtig, dass ein Film das aufgreift. Ich bin überzeugt davon, dass der Film im In- und Ausland auf großes Interesse stoßen wird. Mit ZWEI LEBEN erzählen wir nicht nur ein bewegendes Familiendrama, sondern auch einen mysteriösen Spionage-Thriller. Im Verlauf des Films beginnen wir, uns immer neue Fragen zu stellen: Wen lieben wir da eigentlich? Wissen wir wirklich alles über den anderen? Können wir vergeben?



Haben Sie eine persönliche Beziehung zu diesem Film?

Während des Zweiten Weltkrieges sind mir in meiner Familie zur gleichen Zeit zwei männliche Bezugspersonen genommen worden. Mein Vater fiel als Soldat, als ich sechs Jahre alt war, und mein Großvater starb im KZ Dachau. Meine Tante war lange vor dem Krieg mit einem deutschen Arzt verheiratet. Als sie nach Kriegsende und dem Tod ihres Mannes zu uns nach Norwegen kam, erlebten wir, dass meine Mutter deren Kindern und uns verbot, Deutsch zu sprechen und zu lernen, weil sie die Deutschen so sehr für alles hasste. Rückblickend finde ich dieses Verhalten meiner Mutter sehr engstirnig: Auch wenn man nicht vergessen kann, sollte man doch vergeben. Insofern empfinde ich ZWEI LEBEN auch als eine Geschichte über Vergebung.



Für ZWEI LEBEN standen Sie nach langer Zeit zum ersten Mal wieder vor der Kamera. Was hat Sie an Ihrer Rolle gereizt?

Zunächst wollte ich die Rolle gar nicht spielen, denn meine Figur war älter angelegt, als ich es zu dem damaligen Zeitpunkt war. Später hat Georg Maas das Drehbuch so überarbeitet, dass meine Rolle entsprechend jünger ausfiel. Vor allem aber war in der neuen Fassung die Figur der Ase vielschichtiger und bodenständiger geworden. Da fing es an, mich zu interessieren.



Der Cast setzte sich aus deutschen und norwegischen Schauspielern zusammen. Kommuniziert wurde am Set auch in Englisch. War es schwierig, in drei Sprachen zu drehen?

Im Gegenteil – ich habe es als sehr inspirierend empfunden. Ich kann etwas Deutsch verstehen und beherrsche einige deutsche Wörter. Besonders faszinierend fand ich, dass Juliane Köhler und Ken Duken eigens für diesen Film extra Norwegisch gelernt hatten. Dabei hatten sie sich nicht nur ein unglaublich gutes Norwegisch angeeignet, sondern konnten sogar den Dialekt, den man in der Gegend von Bergen spricht, wo große Teile des Films gedreht wurden. Das war einfach fantastisch!



Sie haben in den letzten Jahren bei mehreren Filmen Regie geführt, ein neues Projekt ist in Arbeit. Fiel es Ihnen schwer, für ZWEI LEBEN in die Rolle der Schauspielerin zu schlüpfen?

Ich bin beides – Schauspielerin und Regisseurin. Im Team von ZWEI LEBEN habe ich mich sehr wohl gefühlt. Aber ich habe länger keine größere Rolle mehr in einem Kinofilm gespielt und vor der Kamera habe ich mich tatsächlich nicht immer so wohl gefühlt. Vielleicht ist eine andere Zeit angebrochen, denn ich merke, dass mich das Inszenieren immer mehr reizt. Regieführen ist jetzt mein Leben, vielleicht auch gerade deshalb, weil ich selbst Schauspielerin bin. Ich glaube, dass Schauspieler sehr kreativ sind. Und ich kann gut zuhören und beobachten. Wenn ich Regie führe, dann geht es mir darum, aus den Schauspielern so viel wie möglich herauszuholen, ohne sie zu verbiegen. Und das macht mir sehr viel Spaß.



Ein Gespräch mit Thomas Lawinky


Herr Lawinky, Sie spielen in ZWEI LEBEN einen der beiden Handlanger des Stasi-Oberen Hugo. Vor dem Hintergrund, dass Sie selbst in frühen Jahren für die Stasi tätig waren: Haben Sie einen Moment gezögert, als Ihnen Georg Maas diese Rolle anbot?

Zunächst einmal: Ich bin es mittlerweile gewohnt, dass man mir Rollen anbietet, die negativ besetzt sind – korrupte Charaktere, brutale, grobe Typen … Aber was meine Figur in ZWEI LEBEN betrifft, so habe ich inzwischen eine große Distanz zu dem, was ich damals gemacht habe. Ich war ein junger Mensch, hatte einen anderen Horizont und ein anderes Bewusstsein als heute. Ich arbeitete unter dem Namen Beckett für die Staatssicherheit. Als ich mich 2006 geoutet hatte, war die mediale Aufregung groß und es bedeutete auch für mich einen großen Schritt, dies zu tun. Ich stehe zu meiner ‚Schuld‘, habe aber von Anfang an betont, dass in einem totalitären System, wie es die DDR war, Vorsicht geboten ist, undifferenziert in Zusammenhang mit dem MfS von Schuld und von Tätern zu sprechen. Genau diese Problematik thematisiert ZWEI LEBEN ja auch. Trägt Katrine, die von Juliane Köhler gespielt wird, Schuld? War sie nicht auch Opfer des Systems, ein benutztes Rad im Getriebe?!



Halten Sie die Geschichte, die ZWEI LEBEN erzählt, für realistisch?

Ich halte sie sogar für sehr realistisch. Selbstverständlich ist und bleibt der Film Fiktion, aber man versucht, sich der Historie und dem Geschehenen bzw. der Wahrheit anzunähern. Die perfide Praxis, mit der Geheimdienste weltweit vorgehen, kann man ja nur erahnen. Da bleibt vieles im Verborgenen. Man würde ja nicht von Geheimdiensten sprechen, wenn sie ihre Vorgehensweisen offen legen würden. Aus dieser Zeit ist uns allen sicher viel bekannt, aber es wurde auch etliches Beweismaterial vernichtet. Ich finde auch, dass der Film mehr als deutlich macht, dass gerade die unteren Chargen wie Katrine wenige Möglichkeiten hatten, sich diesem totalitären System zu entziehen. Die Brutalität, mit der in ZWEI LEBEN meine Figur und die meines Vorgesetzten in der Waldszene gegenüber dem fliehenden Mädchen vorgehen und die Einschüchterungs- und Erpressermethoden, derer sich Hugo bedient, sind meiner Meinung nach authentisch. Die Stasi war eben ein durchstrukturiertes System, mit dem Ziel der absoluten Überwachung, in dem Menschlichkeit, Würde und Selbstbestimmung keinen Platz hatten.



Hatten Sie vorher schon einmal von den so genannten „Lebensborn“-Kindern gehört?

Ich habe eine Schauspielkollegin aus Sachsen kennen gelernt, der genau dieses Schicksal widerfahren ist. Sie ist auch ein ‚Lebensborn‘-Kind, ist aber in Ostdeutschland geblieben. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.



Ein Gespräch mit Georg Maas (Buch, Regie)


Herr Maas, was hat Sie überzeugt, die außergewöhnliche Geschichte der Katrine filmisch umzusetzen?

Das Faszinierende an dem Stoff war zunächst die Story an sich, die äußerst spannend ist und immer neue Wendungen nimmt. Man weiß nie, worauf das Ganze eigentlich hinausläuft. Gleich am Anfang merkt man, dass die Geschichte ein Geheimnis hat und versucht herauszufinden, was da los ist. Erst ganz am Ende setzen sich alle Teile wie bei einem Puzzle zu einem Gesamtbild zusammen.
Die Vielschichtigkeit der Charaktere und die Komplexität dieser Geschichte begeistern mich schon seit vielen Jahren. Die Hauptfiguren in diesem Film sind gleichermaßen schuldig und unschuldig, sie sind quasi Täter und Opfer zugleich und befinden sich nicht aus freiem Willen in diesem Dilemma. Sie leben und suchen ihr Glück in ihrer Gegenwart, aber sie können dem Schatten ihrer Vergangenheit nicht entfliehen. Das ist das Drama ihres Daseins. Beim Schreiben des Drehbuchs ging es immer mehr um die Frage nach Identität: Was ist Wahrheit, was Lüge, wer sind wir? Was weiß ich von dem anderen?



Der Film basiert auf dem Roman „Eiszeiten“ von Hannelore Hippe. Was ist geblieben, was haben Sie geändert?

Den Roman habe ich als Grundlage benutzt, dann aber zusammen mit Hannelore Hippe und meinen Koautoren Christoph Tölle, Ståle Stein Berg und Judith Kaufmann die Geschichte noch mal aus einer ganz anderen Perspektive praktisch neu geschrieben. Das hat es vielleicht noch nicht gegeben, dass der Roman und der Film letztendlich dieselbe Geschichte erzählen, aber mit überwiegend anderen Figuren und ganz anderen Szenen.



Die Recherche war sicherlich sehr umfangreich und schwierig. Wie sind Sie vorgegangen?

Die Recherche hat zu einem Großteil Hannelore Hippe übernommen, vor allem was den unaufgeklärten Todesfall in der norwegischen Stadt Bergen, das Schicksal der Lebensborn-Kinder in Norwegen sowie deren Prozess gegen den Staat betrifft. Darüber hinaus habe ich mir Filme angesehen, Bücher gelesen, mit Fachleuten gesprochen und mit meinem deutschen Ko-Autor Christoph Tölle über das Schicksal deutscher Lebensborn-Kinder recherchiert. Wir besuchten Lebensborn-Kinder in der Nähe vom Heim ‚Sonnenwiese‘ in Sachsen und hörten erschütternde Geschichten über deren Schicksale und Versuche, ihre Mütter zu finden. Davon ist viel in den Film eingeflossen, auch wenn nicht alles explizit erzählt wird – aber es ist zu sehen, beispielsweise in der Art, wie Liv Ullmann schaut. Es ist spürbar in ihrem Blick. Sehr bereichernd für den Film waren auch die Treffen mit diversen Stasi-Agenten - einer davon war der berühmte Doppelagent Werner Stiller. Mit ihm bin ich die ganze Geschichte und alle Details durchgegangen. Diese Treffen waren immer sehr spannend. Bei einem bin ich sogar mal in dessen Auto gelandet und wusste überhaupt nicht, was er mit mir vorhat ... Katrines Existenz wurde quasi zwei Mal verbogen – durch zwei perfide vorgehende totalitäre Systeme Stasi, Nazis, Lebensborn: Das alles sind drängende Themen und Motor der Handlung und es geht immer um wertende Unterscheidungen. Die Nazis unterschieden zwischen Juden und Ariern – und lösten u.a. damit die Tragödie aus, von der der Film erzählt. Die Norweger wiederum machten einen Unterschied zwischen Frauen, die etwas mit einem Deutschen anfingen und damit als Verräterinnen galten und solchen, die das nicht getan hatten. Die Kinder der 'Deutschenflittchen' wurden später als 'unwertes Leben' und 'Kinder der Schande' gesehen und diskriminiert. Und die Stasi hat sich schließlich dieses Erbe für ihre eigenen Zwecke zunutze gemacht ...



Die Geschichte erzählt in erster Linie ein bewegendes Familiendrama. Worin liegt das Politische?

Das Politische in der Story liegt neben dem grundsätzlich Politischen des Themas auch in der Erzählweise des Films, der in seiner Struktur gegen ein Denken arbeitet, das dazu tendiert, das Verhalten anderer eindeutig und wertend zu beurteilen. Während man im Kino der Handlung folgt, fragt man sich auch immer wieder: Was würde ich wohl in dieser Situation machen? Doch man kann darauf keine eindeutige Antwort finden. Gerade auf der strukturellen Ebene ist der Film meiner Meinung nach politisch und vielleicht auch innovativ. Ich würde ZWEI LEBEN deshalb auch einen Antikriegsfilm nennen.



Was hat Sie motiviert, diesen Film zu machen und so viele Jahre an seiner Realisierung festzuhalten?

Meine Motivation ist es, den Betrachter in das Erzähl-Geschehen einzubinden und ihn anzuregen, etwas neu oder anders zu sehen. Dabei soll er auf lustvolle Weise eine neue Erfahrung machen, sich im weitesten Sinne auf ein Abenteuer einlassen. Genau das suche auch ich, wenn ich ins Kino gehe. Ich versuche Filme zu machen, die eine bestimmte Haltung und Ethik vertreten, die sich gleichermaßen in der Geschichte selbst wie auch in der Art, wie die Geschichte erzählt wird, ausdrücken.



‚Not one of us‘ heißt ein Song von Peter Gabriel, über den Sie einen Dokumentarfilm gedreht haben. Warum bedeutet Ihnen dieses Stück so viel?

Peter spricht immer wieder über „Us“ und „Them“, „Wir“ und „Die“. In dem Moment, wo wir anfangen, wertende Unterscheidungen zu machen, schaffen wir die Basis, mit der man Kriege und bewaffnete Konflikte überhaupt beginnen kann. Worauf es mir bei ZWEI LEBEN ankommt, ist, dass der Film diese Unterscheidung und Wertung aufbricht. Der Film ist so aufgebaut, dass wir Katrine als zwielichtige Person kennen lernen. Sie verkleidet sich direkt am Anfang und wir wissen nicht, was wir von ihr halten sollen. Man merkt, dass sie ein dunkles Geheimnis hat und vielleicht nicht ganz unschuldig ist. Aber dann gewinnt man sie und ihre Familie lieb. Es geht während des Films öfters hin und her, man muss immer wieder in Frage stellen, wie man das alles bewertet. Das betrifft auch die filmische Erzählung selbst: Es gibt Szenen, bei denen man denkt, das kenne ich aus anderen Filmen, das geht jetzt bestimmt so weiter - aber es geht anders weiter. Für mich ist die Reise, die der Zuschauer im Kopf macht und bei der er immer wieder seine eigenen Werturteile in Frage stellt, von zentraler Bedeutung.



Auch schon in Ihrem letzten Film ‚NeuFundLand‘ ging es darum, dass wir immer die Tendenz haben, uns ein Bild von dem Anderen zu machen ...

Das ist eine Sache, die wir nicht vermeiden können. Unsere Wahrnehmung ist so aufgebaut, dass wir andere Menschen letztlich einordnen müssen, sie quasi in eine Kiste tun. Die Welt wäre zu verwirrend, würden wir das nicht machen, aber dieses Verfahren ist im Grundsatz fehlerhaft. Deshalb muss man bereit sein, dies immer wieder zu korrigieren. Aber das tun wir nicht, weil wir die Welt einfach haben wollen. Wir tendieren sogar dazu, den anderen mit unserem Bild zu verwechseln. Wenn er Dinge tut, die dem Bild nicht entsprechen, dann nehmen wir diese lieber nicht wahr und blenden sie aus. Dies war ja eines der zentralen Themen von Max Frisch. ZWEI LEBEN beschäftigt sich mit einem ähnlichen Thema. Der Zuschauer kann, genau wie die Familie, Katrine nie so sehen, wie sie wirklich ist.



Warum haben Sie sich für diesen Cast entschieden?

Liv Ullmann hielt ich früher, wie viele deutsche Kinogänger auch, für eine Schwedin, weil sie viel mit Ingmar Bergman gedreht und in seinen großen schwedischen Filmen mitgespielt hat. Ich wusste weder, dass sie Norwegerin ist, noch, dass Bergmann ihr in ihrem ersten gemeinsamen Film ‚Persona‘ extra eine stumme Rolle gab, damit sie kein einziges Wort zu sprechen brauchte. Sie konnte damals ja gar kein Schwedisch. Ihr Name fiel dann von unserem norwegischen Produzenten Axel Helgeland, und ich war von dieser Idee total begeistert.
Liv Ullmanns Figur Åse wird in ihren Grundfesten erschüttert, als sie erfährt, dass ihre Tochter Katrine eine vollkommen andere Vergangenheit hat, als Åse dachte. Darin steckt eine Tragik, die noch viel größer ist als das Entsetzen darüber, was sie ohnehin schon wusste. Liv Ullmann hat schon mehrere solcher Rollen gespielt, und es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie es ihr gelingt, nur mit ihren Augen und ihrem Gesicht solche Emotionen darzustellen. Sie ist perfekt für diese Rolle. Außerdem ist Liv Ullmann eine strahlende Persönlichkeit. Wenn sie am Set auftaucht, geht die Sonne auf. Sie ist unprätentiös, besteht nicht mal auf ihren eigenen Fahrer. Im Gegenteil: wenn ihre Szene abgedreht war, hat sie sich am engen Set irgendwo zwischen die Stative auf den Boden gesetzt und ein Buch gelesen. Sie war lieber mit uns zusammen als alleine im Hotel zu sitzen. Liv hat am Set mit ihren Kollegen ständig Späße gemacht und damit eine sehr gute, entspannte Atmosphäre erzeugt.



Julianne Köhler stand ebenfalls von Anfang an für die Rolle der Katrine fest. Was bringt sie für die Figur mit?

Juliane hat schon in meinem letzten Film ‚NeuFundLand‘ eine kleine Rolle gespielt. Als ich die erste Drehbuchfassung von ZWEI LEBEN fertig hatte, war mir klar, dass sie das spielen musste und sie war auch von der Idee begeistert. Sie hat sich in der Finanzierungsphase persönlich sehr für das Zustandekommen des Films eingesetzt. Herausgekommen ist eine doppelbödige Rolle, in der man eine Juliane Köhler erlebt, die man so wohl noch nie gesehen hat. Bei der Vorbereitung war mir ganz wichtig, dass sie Norwegisch lernt und in dieser ihr fremden Sprache spielt. Zudem haben wir ihr Outfit total verändert, auch optisch hat man Juliane Köhler noch nie so gesehen. Ein Telefongespräch ein paar Wochen nach Abschluss des Drehs hat mich von daher sehr berührt: Juliane war ganz traurig, weil sie diese andere Person, die sie gespielt und mit der sie so intensiv gelebt hat, plötzlich so sehr vermisste.



Anwalt Solberg, der Gegenspieler von Katrine, muss dieser starken Persönlichkeit gewachsen sein. War es einfach, diese Rolle zu besetzen?

Für diese Rolle haben wir lange nach der richtigen Besetzung gesucht. Der Anwalt, der Katrine in die Enge treibt, ist ein schwieriger Part, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht. Das Drehbuch bietet ganz bewusst keine Erklärungen für seine Motive, weshalb er sich genau in diesem Falle so stark einsetzt. Wir brauchten jemanden, dem man so viel Biss abnimmt bei dem man schnell merkt, dass es Katrine nicht einfach mit ihm haben wird und er ihr wirklich gefährlich werden kann. Gleichzeitig wird eine mögliche Romanze zwischen ihm und Katrines Tochter Anne angedeutet. Er muss also auch anziehend und sympathisch sein. Ken Duken ist dafür perfekt. Und auch er spielt seine Rolle zum größten Teil auf Norwegisch.



Ihr Film feiert auf diversen nationalen wie internationalen Festivals, auf denen er bislang gezeigt wurde, große Erfolge – die Kritik wie die Zuschauer sind sich einig. Freut das einen Regisseur angesichts der langen Entstehungsphase besonders?

ZWEI LEBEN schickt den Zuschauer auf eine spannende Entdeckungsreise in eine Geschichte, die stets neue und unerwartete Wendungen nimmt. Dabei lässt der Film dem Zuschauer die Freiheit, sich gegenüber der Hauptfigur immer wieder neu zu positionieren. Katrine ist schillernd und ambivalent. Man liebt sie und man geht doch immer wieder auf Distanz. Diese Art des filmischen Erzählens ist ungewöhnlich. Ich war mir ganz sicher, dass das Publikum bereit ist, sich auf etwas Neues einzulassen und einen so erzählten Film mögen würde. Die ungewöhnliche Dramaturgie des Films machte es uns aber nicht gerade leicht, Finanziers für das Projekt zu finden. Der Prozess der Finanzierung dauerte Jahre. Von daher ist es für mich und für alle, die nicht aufgeben wollten und stetig weiter am Zustandekommen dieses Films gearbeitet haben, eine sehr große Freude, dass der Film auf den zahlreichen nationalen und internationalen Filmfestivals, auf denen er bislang zu sehen war, außerordentlich gut vom Publikum aufgenommen wird und schon zweimal den Publikumspreis gewonnen hat.



CAST & CREW

CAST          

KATRINE EVENSEN MYRDAL
ÅSE EVENSEN
BJARTE MYRDAL
ANWALT SVEN SOLBACH
ANNE MYRDAL
HUGO
KONTAKTMANN IN NORWEGEN
KATRINE EVENSEN (JUNG)
KATHRIN LEHNHABER
ANWALT HØGSETH
HILTRUD SCHLÖMER
DETEKTIV
HAUSMEISTER SONNENWIESE
ARCHIVAR
DÄNISCHER VERHÖRER
DEUTSCHER VERHÖRER
REPORTER
MARIT

Juliane Köhler
Liv Ullmann
Sven Nordin
Ken Duken
Julia Bache-Wiig
Rainer Bock
Thomas Lawinky
Klara Manzel
Vicky Krieps
Dennis Storhøi
Ursula Werner
Jürgen Rißmann
Ralf Dittrich
Christian Steyer
Matthias Harrebye Brandt
Holger Handke
Daniel Krauss
Ellen Birgitte Winthe

CREW         

REGIE
DREHBUCH


KAMERA
SCHNITT
SZENENBILD
KOSTÜMBILD
MASKENBILD
TON
MUSIK

SOUNDDESIGN
MISCHUNG
PRODUKTIONSLEITUNG
FILMGESCHÄFTSFÜHRUNG
CASTING
PRODUKTION

Georg Maas
Georg Maas, Christoph Tölle,
Ståle Stein Berg,
Judith Kaufmann
Judith Kaufmann
Hansjörg Weissbrich
Bader El Hindi
Ute Paffendorf
Susana Sanchez Nunez
Thomas Angell Endresen
Christoph M. Kaiser &
Julian Maas
Dirk Jacobs
Martin Steyer
Peter Kreutz
Lies Schumandl
Simone Bär
Zinnober Film, Dieter Zeppenfeld
B&T Film, Rudi Teichmann Helgeland Film, Axel Helgeland






Partner


Schule

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LEHRMATERIAL

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Filmtipp

Vision Kino empfiehlt ZWEI LEBEN
für den Schulunterreicht. DOWNLOAD


PRÄDIKAT BESONDERS WERTWOLL

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HISTORISCHE HINTERGRUND


Während der deutschen Besetzung Norwegens von 1940 – 1945 gab es zahllose Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und norwegischen Frauen, aus denen Kinder hervorgegangen sind. Man schätzt deren Zahl auf etwa 11.000 Kinder. Der Rassenwahn und die Propaganda der Nazis unterstützten diese Beziehungen, deren Kinder als „von gutem nordischen Blut“, „hochwertig germanisch“ und „rassisch wertvoll“ galten. Im Rahmen des „Lebensborn“-Vereins der SS richteten die Nazis Kinderheime ein, um die norwegisch-deutschen Kriegskinder „zur Förderung des germanischen Erbgutes für das Deutschtum zu sichern“. Diese Zucht arischer Herrenmenschen im „Lebensborn“ war eine der makabersten Ausgeburten nationalsozialistischen Rassenwahns. Etwa 250 dieser deutsch-norwegischen Kriegskinder wurden zwischen 1943 und 45 von den Nazis nach Deutschland verschleppt. Die meisten davon wurden im SS-Kinderheim „Sonnenwiese“ in Sachsen untergebracht – und damit auf dem späteren Gebiet der DDR. Knapp zwei Jahrzehnte später schlug die DDR aus dieser Nazi-Hinterlassenschaft auf ausgesprochen zynische Weise Kapital, indem die Existenz der „Lebensborn“-Kinder ein zweites Mal verbogen wurde.

Für ihre Recherchen haben die Drehbuchautoren mehrere der nach 1945 nach Deutschland verschleppten Kriegskinder besucht. Die meisten haben weder ihre norwegische Mutter noch den deutschen Vater kennen gelernt. Die deutsch-norwegischen Kriegskinder wuchsen in den 50er Jahren teils in Pflegefamilien, teils in ostdeutschen Kinderheimen auf. Manche erfuhren durch ihre Papiere oder von ihren Pflegeeltern, dass sie eine norwegische Mutter hatten. Als einige von ihnen Mitte der 60er Jahre gerade volljährig geworden – versuchten, einen Ausreiseantrag zu stellen, um ihre norwegische Mutters zu suchen, wurden sie von den zuständigen Behörden der DDR massiv behindert. Dabei waren sie nach geltendem Völkerrecht norwegische Staatsbürger und damit zur Ausreise berechtigt. Vermutlich kam die Spionage-Abteilung der Stasi (HVA) durch diese Ausreise-Begehren auf die perfide Idee, „Lebensborn“- Kindern ihre Biografien zu rauben, um Stasi-Agenten im Westen zu platzieren – getarnt mit einer nahezu perfekten Legende.

Von Mitte der 60er Jahre bis in die 70er Jahre hinein schaffte man auf diese Weise ostdeutsche Agenten über Norwegen in den Westen. Der bekannteste Fall dieser Art ist der des Stasi-Agenten Hempel, der mit der Identität des deutsch-norwegischen Lebensborn Kindes Ludwig Bergmann bei dessen norwegischer Mutter in die Familie Bergmann in Haugesund südlich von Bergen als deren Sohn eingeschleust wurde.

Die Autoren des Drehbuchs haben Ludwig Bergmann besucht und mit seiner Familie in Norwegen gesprochen. Ludwig Bergmann wusste weder von seiner Mutter in Haugesund, noch dass er dort drei Halbgeschwister hat. Davon erfuhr er erst durch die Arbeit der Spiegel-Redakteure, die ihn, knapp 60-jährig, mit seinen Angehörigen in Norwegen zusammen brachten. Dort sah Ludwig Bergmann dann Familienfotos, die Anfang der 70er Jahre mit seinem falschen Alter Ego, dem Stasi-Agenten Hempel, gemacht worden waren: der Agent in der trauten Runde seiner (falschen) Verwandten. Nach dem Mauerfall wohnte Hempel wieder – gänzlich unbehelligt – in Sachsen. Nur wenige Kilometer entfernt von Ludwig Bergmann. Seit der Veröffentlichung seines Falls ist er allerdings untergetaucht.

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